Eine Patientin erzählt, wie sie mit Ernährung und Bewegung ihren Diabetes „zähmte“

Rauschende Feste hat Renate Kühl nie wirklich gebraucht, um glücklich zu sein. Gefehlt hat ihr in ihrem Leben dadurch nichts. Selbst nach der Diagnose „Diabetes“ genießt die lebensfrohe Düsseldorferin (63) ihr Leben in vollen Zügen. Geändert hat sich indes ihr Lebensstil. Gemeinsam mit Ehemann Manfred bewegt sie sich mehr und ernährt sich radikal anders als früher – mit einem Ziel: dem Diabetes und seinen Folgeerkrankungen ein „Schnippchen“ zu schlagen. Unterstützt wird sie durch das Team des Westdeutschen Diabetes- und Gesundheitszentrums (WDGZ) in Düsseldorf-Wersten, einer Einrichtung im Verbund Katholischer Kliniken Düsseldorf (VKKD). 

Für Renate Kühl und ihren Ehemann war es ein Schock, der ihr Leben veränderte. Apathisch, abgeschlagen und immerwährender Durst waren die ersten Anzeichen der beginnenden Erkrankung. Eine routinemäßige Messung bestätigte im Jahr 2013 die Befürchtungen: der Blutzucker von Renate Kühl war viel zu hoch. Eine „Stoffwechselentgleisung“ nennen Mediziner dieses Phänomen. Renate Kühl wird umgehend als Notfall im Düsseldorfer St. Vinzenz-Krankenhaus aufgenommen und verbringt die Nacht unter Beobachtung auf der Intensivstation. Die Diagnose: Diabetes mellitus Typ 2, der „Altersdiabetes“. Noch in der Klinik werden ihre Werte an einen Spezialisten übermittelt, der im Verbund Katholischer Kliniken Düsseldorf (VKKD) die Betreuung von Diabetespatienten übernimmt. Mit ihrer Diagnose änderte sich das Leben von Renate Kühl schlagartig. Sie möchte die Krankheit verstehen, liest viel, kocht gesünder und geht anders mit ihren Gewohnheiten um.

Diabetes – kein unabwendbares Schicksal

„Ich habe in den letzten Jahren viele Seminare besucht und immer eines gehört: warum etwas ändern? Es gibt doch Insulin! Viele glauben, es wäre besser, so weiterzuleben wie bisher,“ berichtet Renate Kühl. „Mittlerweile sehe ich das anders. Mein größtes Ziel ist es, nicht noch kränker zu werden. Ich will mich weiter bewegen können, ohne eines Tages aufpassen zu müssen, ob meine Füße noch in Ordnung sind.“ Bei Professor Stephan Martin, Chefarzt Diabetologie im VKKD und Direktor des Westdeutschen Diabetes- und Gesundheitszentrum (WDGZ), steigt sie mit einem Gesundheits-Check in ein telediabetologisches Lifestyle-Programm ein. Sie erhält einen Schrittzähler, eine Waage und ein Blutzuckermessgerät, die über eine gesicherte Internetverbindung ihre Daten täglich an das WDGZ übermittelt. Dabei macht Renate Kühl eine interessante Beobachtung: je mehr Bewegung sie sich selbst verordnet, desto besser werden ihre Blutzuckerwerte.

Kleine Veränderungen – große Wirkung

Am Anfang des Programms steht ein Gesundheits-Check mit umfangreicher körperlicher Untersuchung. Es werden u.a. ein Leber-, Blutfett- und Nierentest durchgeführt sowie die aktuellen Cholesterin- und Blutzuckerwerte erhoben. In den kommenden Wochen ist der Patient aktiv gefragt, seine „Lebensstilparameter“ zu verbessern. Hierzu werden die Daten wie Gewicht, Blutzuckerwert und Anzahl der Schritte dem Westdeutschen Diabetes- und Gesundheitszentrum (WDGZ) via Internet übermittelt und durch das Team von Professor Martin ausgewertet. Unterstützt wird Renate Kühl von einem Tele-Coach, der sie in festgelegten, sich verlängernden Abständen anruft, um ihr zu besprechen wie ihr Alltag mit ihren Werten zusammenhängt. Das Ziel ist, die Alltagsgewohnheiten so zu verändern, dass der Blutzuckerwert im gesunden Bereich bleibt.

Die Wirksamkeit dieser Methode ist wissenschaftlich belegt. Jüngste Untersuchungen haben gezeigt, dass mit einem veränderten Lebensstil nicht nur Gewicht und Blutzucker positiv beeinflusst werden können – in vielen Fällen konnten Patienten gänzlich auf Insulin verzichten. Renate Kühl hat mit Hilfe des Diabetesmanagements täglich ihre Bewegung gemessen. Heute schafft sie bis zu 10.000 Schritte am Tag. Blutzucker und Gesamtkondition haben sich merklich verbessert. Professor Martin sieht in diesem Erfolg die Wirksamkeit der Motivation zur Lebensstiländerung: „Jeder kann das erreichen. Wer seine Werte misst, sieht sofort, was passiert. Diese Art der Selbstüberwachung funktioniert wie ein Barometer und motiviert auf dem Weg zu weiteren Erfolgen.“ Professor Martin ist sich sicher: Diabetes ist kein unabwendbares Schicksal. „Wir wissen durch wissenschaftliche Untersuchungen, dass wir bereits durch minimale Veränderungen in unserem Lebensstil gute Erfolge erreichen können. Und meine Patienten beweisen das jeden Tag aufs Neue.“

Aktiv sein erhält Lebensqualität

Wenn Renate Kühl heute unterwegs ist, nimmt sie bewusst Umwege oder Treppen in Kauf. „Bequem zu sein, hilft nicht dabei, gesund zu bleiben. Aber mit jedem Umweg tue ich meinem Körper etwas Gutes. Der dankt es mir und hält mich bis ins hohe Alter fit. Davon bin ich überzeugt.“ Wenn sie sich bewegt, dann zügig, im Lauftempo. Das gehört mittlerweile zum täglichen Ritual. „Um die Lebensqualität bei dieser Erkrankung zu halten, genügt ein wenig Aktivität“, sagt sie, „ich kann es jedem nur empfehlen. Man fühlt sich besser, schläft besser und ist insgesamt leistungsfähiger.“ Zusammen mit ihrem Ehemann Manfred unternimmt sie auch regelmäßige Touren ins Umland. Ehemann Manfred unterstützt seine Frau nach Kräften. Er hat sich freiwillig ein Bewegungsprogramm verordnet und dabei reichlich „Pfunde“ verloren. „Geht es Renate gut, geht es mir gut“, resümiert er, „und viel hat sich bei uns nicht geändert. Auch früher sind wir gelaufen, nur nicht so häufig. Heute bleibt das Auto lieber in der Garage. Denn laufen zu können, soll bei uns beiden im Alter kein Luxus werden.“

Genießen – aber anders

Auch eine gesunde Ernährung gehört zum Lifestyle-Programm. Einseitigkeit ist dabei nicht zu befürchten, denn Diabetiker können viele Lebensmittel bedenkenlos genießen: Olivenöl, Nüsse und weitere mit mehrfach gesättigten Fettsäuren, wie sie zum Beispiel in Fisch vorkommen. Kohlenhydrate sind nicht per se verboten, sollten aber in Form langsam verwertbarer Nährstoffe aufgenommen werden. Die Kühls setzen heute daher eher auf Vollkorn- als auf reines Weizenbrot. Auch der Besuch im Restaurant muss nicht zur „Verzichtstour“ werden, denn viele Gastwirte sind heute auf Menschen mit besonderen Diätformen eingestellt. Gut geeignet ist die mediterrane Küche, die oft und reichlich Olivenöl einsetzt. Darauf haben sich die Kühls eingestellt und vermissen nichts – im Gegenteil. „Diabetiker sollten keine Scheu haben, dem Kellner mitzuteilen, welche Beilage sie wünschen. In den meisten Fällen haben die Gastwirte Verständnis.“ Und wenn einen doch einmal der Heißhunger überkommt? Dann darf es – wenn auch in kleinen Mengen – ab und an auch etwas Süßes sein. „Das eine Stückchen Schokolade, was ich mir am Abend gönne, ist ein Hochgenuss, auf den ich mich den ganzen Tag freue. Und die Torten beim Konditor sehe ich mir ohne Neid aus der Ferne an.“

Siegertypen gesucht – Initiative „Diabetes-Champion“

Über ein Jahr lang hat Renate Kühl an ihrem Lebensstil gearbeitet. Sie ernährt sich bewusster und bewegt sich mehr als in den Jahren zuvor. Ihr größter Erfolg ist, dass sie heute kein Insulin mehr benötigt. Doch darauf möchte sie sich nicht ausruhen. Sie will mit ihrem Beispiel weitere Menschen erreichen, die durch eine Änderung der Lebensgewohnheiten ihren Diabetes nachhaltig zurückdrängen wollen. Im vergangenen Jahr hat sie sich daher bei der Initiative „Diabetes-Champion“ beworben. „Als ich von der Initiative ‚Diabetes-Champion’ hörte, sah ich darin die Chance, anderen Mut zu machen. Ein wenig Siegertyp steckt in allen – es gehört nur Mut dazu, den ersten Schritt zu machen.“ Was steht als nächstes an? Vielleicht eine Laufgruppe gründen oder einen Kochkreis für Vitalkost. Renate Kühl hat definitiv noch viel vor und sie wirkt wie ein Mensch, der nicht nur von Absichten redet. Ein Siegertyp eben. Heute läuft sie noch eine Extrarunde durch den Südpark und freut sich auf Antipasti mit Manfred. Die Nordic-Walking-Stöcke warten bereits…